№ 15

10.11. – 22.12.2017

GOOD 70s / BAD 70s

Objekte von Melanie Woste Fotografien von Anonymous No. 92

 

Die DIRECT ART GALLERY eröffnet ihre Ausstellung No 15 zum diesjährigen gemeinsamen Galerienwochenende „Kunst in der Carlstadt“, an dem etablierte Galerien des Galerienzentrums teilnehmen. Die Ausstellung No 15 „Good 70s / Bad 70s“ spiegelt die Ambivalenz eines Jahrzehnts der Umbrüche und politischen Unruhen in der Bundesrepublik Deutschland, geprägt durch den RAF-Terror, die Ölkrise, den beginnenden Widerstand gegen die Atomenergie, durch die Hippie-Flower-Power-Bewegung ebenso wie die spätere Pop-Kultur und Discowelle und nicht zuletzt durch das spleenige (Kunststoff-)Design in quietschigen Farben – am liebsten in schrillem Orange. Im Bereich der Technik und Kommunikation setzte ein Innovationsschub ein, von dem auch der Privatverbraucher profitierte: Fernsprechtischapparate, Schallplattenspieler, Kassetten- und Radiorecorder waren die Stars im „Heimbereich“.

 

In ihrer ersten Einzelausstellung widmet sich die Künstlerin Melanie Woste, Jahrgang 1983, technischen Gebrauchsgegenständen und Interieurs der 1970er Jahre – als Nachgeborene und damit als eine von außen Betrachtende. Die in Lippstadt lebende Aktion-Kunst-Preisträgerin und Mitglied der Künstlergruppe DAS ROTE ZEBRA greift zum einen malerisch die von zeitgenössischen Möbelkatalogen propagierten Wohnideen mit Egg Pod Chair, Kugellampe und graphisch-großgemusterter Tapete in der typischen Braun-Gelb-Orange-Kombination auf. Darüber hinaus nimmt sie sich in Form von Objekten technischen Gerätschaften an, die heute nahezu anachronistisch anmuten und durch ihren „Retro-Charakter“ allenfalls einen gewissen Sammler- oder Nostalgiewert aufweisen. Die ausgedienten Ton- und Kommunikationsträger bildet Melanie Woste im Maßstab 1:1 nach und verwendet hierzu nichts anderes als ebenfalls ausgedientes Verpackungsmaterial: alten Pappkarton. Eine Transformation, die sie mit einer unglaublichen Akribie und Präzision vollzieht und wie man es höchstens noch von den „Cardboard“-Alltagsobjekten Chris Gilmours kennt.

 

Die unterschiedlichen Oberflächenstrukturen und Materien übersetzt sie sorgfältig Detail für Detail in ein einziges, variantenreich eingesetztes Material – geschnitten, gerissen, glatt, geprägt, gewebt. Die Monochromie lenkt alle Sinne auf den hohen taktilen Reiz eines scheinbar funktionstüchtigen Gerätes und fordert geradezu heraus, eine Taste zu drücken, ein Rädchen zu drehen oder einen Regler zu bedienen. Doch die Objekte in ihrer fragilen Perfektion verharren in stummer Funktionslosigkeit, sind stille Zeugen, ja vielleicht schon fast Denkmäler einer Epoche des technischen Alltagskonsums, die auf der Datenautobahn längst durch hochdigitale Technik überholt wurde. So berührt Melanie Woste mit ihren Werken unsere Erinnerungen und Gefühle. Wer mit den analogen Gegebenheiten, der klackend einrastenden Recordertaste und dem Kratzen der Saphirnadel auf der Schallplatte aufgewachsen ist, betrachtet „die guten alten Dinge“ mit einer Nostalgie, die wie ein Seelenelixier wirkt: Das sehnsüchtig-verklärende Abtauchen schlägt eine Brücke zwischen Vergangenheit und Zukunft und erzeugt so ein Gefühl der Identität und Selbstkontinuität.

 

Ganz anders die Fotografien von Anonymous No. 92. Hier ist keine planerische Akkuratesse, sondern eine nahezu aufreizende, scheinbare Absichtslosigkeit im Spiel, wobei die Rätselhaftigkeit noch gesteigert wird durch die gezielte Verweigerung jeglicher Preisgabe der Identität des Urhebers. Die Aufnahmen verstoßen gegen sämtliche Konventionen der Fotografie und verstören durch das Nichtvorhandensein jeglicher Bildkomposition. Unkontrollierte Ausschnitthaftigkeit und diffuse Unschärfe sind das Ergebnis eines mehr oder wenig wahllosen Betätigens des Auslösers einer Kleinbildkamera, und dies in einer schmuddeligen, lieblos möblierten Wohnung, in der offensichtlich Menschen ihren Rausch ausschlafen. Topfpflanzen fristen ihr Dasein im Gegenlicht, ein plüschiger Paulchen Panther hängt an der trostlosen Stehlampe wie am Galgen, ein gelangweilte Katze thront über allem. Der flüchtige Moment, die nicht gestellte Szene gibt quasidokumentarisch und ungeschönt eine Stimmung der 1970er wieder, die an Bruch mit Konventionen, an Hausbesetzung, an zügellosen Alkohol- oder Drogenkonsum denken lässt und ein Gefühl von Agonie und Ausweglosigkeit verbreitet.

 

 

DIRECT ART GALLERY

 

Die DIRECT ART GALLERY ist eine gemeinnützige Galerie zur Förderung von Künstlerinnen und Künstlern mit psychischem oder geistigem Handicap. Sie wird von der Aktion-Kunst-Stiftung betrieben und ist im Galerien- und Museenzentrum Düsseldorfs verortet. Neben Werken aus dem klassischen Outsider-Bereich präsentiert die DIRECT ART GALLERY junge, zeitgenössische Positionen.